REITERJOURNAL-EXTRA 2022 - Sonntag

Seite 12 Rei ter journal -Ext ra Sonntag, 13. November 2022 „Ich hinterfrage mich ständig“ Springreiter-Bundestrainer Otto Becker über die Saison 2022, die Planungen für die Olympischen Spiele und über die Entwicklung in Stuttgart Herr Bundestrainer, keine Medaille bei den Weltmeisterschaften, am Ende der Saison kein deutscher Reiter unter den Top Ten der Weltrangliste – Sie haben sich die Saison 2022 sicher anders vorgestellt, oder? Grundsätzlich war die Saison gut. Natürlich hatten wir uns bei der WM eine Medaille erhofft und waren enttäuscht. Aber den Trend, dass die Nationen sehr eng zusammenliegen, kennen wir ja schon lange. Für uns war es aber auch wichtig, die Olympia-Qualifikation zu schaffen. Das ist gelungen. Wir hatten 2022 eine gute Nationenpreissaison und so viele deutsche Fünf-Sterne-GP-Siege wie noch nie. Haben Sie sich zwischendurch in Herning mal gefragt, ob Sie bei der Nominierung alles richtig gemacht haben? Ich hinterfrage mich ständig und analysiere meine Entscheidungen. Wir haben im Springausschuss wie immer sehr intensiv über die Nominierung gesprochen. Im Nachhinein kann ich aber immer noch sagen: ich würde dieses Team wieder nominieren. André Thieme war sicher der Pechvogel der WM. Muss man als Bundestrainer in einer solchen Situation auch ein Psychologe sein, um einen Sportler wieder aufzubauen? Hat er es weggesteckt? Er war natürlich am Boden zerstört. Es hat ihm ja selbst am meisten leidgetan. Das sind Extremsituationen, die kein Menschen erleben will, die aber trotzdem passieren. Dieses Mal leider im falschen Moment. Aber mittlerweile hat er wieder starke Leistungen abgeliefert. André ist ein positiver Mensch. Jetzt gilt schon die „Mission 2024“, also das Ziel Olympische Spiele in Paris. Hat dieses Ziel jetzt schon Auswirkungen auf Ihre Arbeit und Ihre Planung? Klares ja, Paris hat oberste Priorität, wir planen immer in Richtung Olympische Spiele. Sie sind das wichtigste Championat. Welt- und Europameisterschaften sind Meilensteine zu den nächsten Spielen. 2024 ist schon jetzt total im Fokus. Wir sind jetzt schon mit möglichen Paaren im Gespräch. Dazu gehören auch jüngere Pferde, die man sich mittlerweile sehr gut eingearbeitet und passt gut ins Team. Überall, wo er eingesetzt wird, bekomme ich eine positive Rückmeldung. Er macht auch ein sehr gutes Training. Man hatte das Gefühl, dass Sie bei der Entscheidung, das Amt des Bundestrainers zu behalten, im Dezember 2021 ein bisschen gezögert haben. Warum? Naja, ich versuche immer, mich zu hinterfragen. Nach 13 Jahren finde ich, muss man das auch machen. Vor allem geht es um die Frage, ob die Reiter und der Verband noch hinter mir stehen. Sagen wir es mal so: Ich habe überlegt, aber dann nicht gezögert. Ein Satz zu Stuttgart. Nach zwei Jahren Corona-Pause ist das Turnier wieder da. Allerdings mit leicht sinkenden Besucherzahlen und einer schwierigen Sponsoringsituation. Beobachten Sie diesen Trend auch an anderen Turnierstandorten? Es ist generell schwieriger geworden. Ich kann auch verstehen, wenn sich jemand angesichts der überall steigenden Kosten zum Beispiel überlegt, ob er sich statt einer Dauerkarte eine Tageskarte kauft. Was ich allerdings sehr verwunderlich finde, ist, dass sich Mercedes Benz in seiner Heimatstadt zurückzieht. Umso lobenswerter ist es, dass das Stuttgarter Team das hier so durchzieht. Dafür ein großes Kompliment. Die Stimmung in der Halle ist nach wie vor überragend. Wir wollen noch kurz über unsere Baden-Württemberger mit internationalen Ambitionen reden. Wo sehen Sie in den nächsten Jahren Hansi Dreher? Ein absolut zuverlässiger Mann, der immer abliefert. Außerdem ein feiner Kerl. Marcell Marschall? Er hat nochmal besonders auf sich aufmerksam gemacht. Wir haben ihn im Blick. Richard Vogel? Sehr talentierter Reiter, der eine große Karriere vor sich hat. Ich hoffe, dass er bodenständig weiterarbeitet, seine Pferde vernünftig managt und die richtigen Prioritäten setzt. Das Interview führte Roland Kern. jetzt schon in diese Richtung ausbilden und einsetzen kann. Viele haben nach Aachen eine Nominierung von Gerrit Nieberg gewünscht. Warum kam er für Sie nicht in Frage? Planen Sie mit ihm für 2024? Ja, er ist reiterlich stark und menschlich in Ordnung. Er gehört ja auch zum Kader. Seine Nominierung war natürlich ein Thema. Aber es zählt eben die ganze Saison, nicht nur ein Turnier, auch wenn es Aachen heißt. Sie haben im Team immer wieder Reiter, die in ausländischen Ställen reiten wie Daniel Deusser oder auch Jana Wargers. Ist das ein Problem für Sie? Oder muss man sich damit abfinden? Im Fußball ist es ja ähnlich. Das ist für mich kein Problem. Sogar im Gegenteil. Wir können ja froh sein, dass unsere deutschen Spitzenreiter solche Ställe hinter sich haben. Das gibt es ja in Deutschland immer weniger. Sie waren ein Erfolgsgespann mit Heiner Engemann, fehlt er Ihnen? Ist Marcus Döring schon ein vollwertiger Ersatz? Ja, natürlich fehlte Heiner nach zwölf gemeinsamen Jahren. Wir sind auch persönlich gut befreundet. Aber Marcus Döring hat Foto: TOMsPic

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